
Kleinbäuerliche Betriebe müssen auf wenig Land möglichst viele Lebensmittel erzeugen, während das Wetter extremer und unberechenbarer wird. Synthetische Pestizide helfen zwar, schaden aber Ökosystemen und der Gesundheit. Das EU-Projekt UPSCALE hat untersucht, ob Pflanzen selbst den Mais vor Schädlingen schützen können, und dafür über 150 Interviews mit Landwirten und Fachleuten geführt – und am Ende kannst du prüfen, wie viel Platz die Natur in deinen eigenen Entscheidungen hat.
Ein Betrieb, der vor allem für den eigenen Bedarf wirtschaftet, kann sich keine verschwendete Fläche leisten. Von einem kleinen Stück Land müssen eine Familie satt werden und der Lebensunterhalt gesichert sein. Dazu kommt ein Klima, das immer extremer und schwerer vorhersehbar wird.
Gleichzeitig ist bekannt, welchen Preis die konventionelle Intensivierung hat. Synthetische Pestizide und Düngemittel können Ökosystemen und der Gesundheit der Menschen schaden. Das Projekt UPSCALE stellte deshalb die Frage, ob man die Mechanismen natürlicher Systeme nutzen kann, um mehr pro Hektar zu produzieren – und zwar klimaresilient und biodiversitätsfreundlich.
Um agrarökologische Wege zu höheren Erträgen zu prüfen, setzte das Projektteam auf den sogenannten Push-Pull-Ansatz. Koordinatorin Emily Poppenborg Martin, Professorin für Tierökologie am Institut für Tierökologie und Spezielle Zoologie der Justus-Liebig-Universität Gießen, beschreibt ihn so: „Die Push-Pull-Methode ist eine Möglichkeit, Schädlinge im Pflanzenbau durch gezielte abstoßende und anziehende Wirkung zu bekämpfen. Dabei wird die Art und Weise genutzt, wie die Arten miteinander interagieren, um Schadinsekten aus den Maisfeldern herauszudrängen (‚push‘) und/oder sie innerhalb oder an den Rändern der Kulturpflanzen einzugrenzen (‚pull‘).“
In der Praxis sieht das so aus:
„Im Grunde nutzen wir die Möglichkeiten der Natur, um die Kulturpflanzen zu schützen“, fasst Poppenborg Martin zusammen.
Die Methode hat viele Vorteile, doch ihre Wirksamkeit unterscheidet sich von Region zu Region deutlich. Laut der Koordinatorin können die umliegenden Felder die ökologischen Wechselwirkungen auf der Ackerfläche stark beeinflussen – genau das war bisher kaum untersucht worden.
Das zweite Problem ist ein soziales. Landwirtinnen und Landwirte übernehmen Push-Pull seltener, als es das Potenzial erwarten ließe. „Im Rahmen von UPSCALE haben wir uns zum Ziel gesetzt, diese Variabilität zu verstehen, herauszufinden, wie und wann Push-Pull am besten in landwirtschaftliche Systeme zu integrieren und was erforderlich ist, um eine agrarökologische Technologie wie Push-Pull im Maßstab zu erweitern“, erklärt Poppenborg Martin.
Das Team setzte eine ganze Reihe von Werkzeugen ein. Mit Fallen sammelte es Käfer, Spinnen und fliegende Insekten, also die natürlichen Feinde von Maisschädlingen. Die Maispflanzen wurden auf Schäden untersucht, und der Mais wurde geerntet, um die Erträge zu ermitteln.
Hinzu kamen neuartige Feldsensoren, die die flüchtigen Stoffe der Pflanzen im Mischanbau erfassen. Mit Satellitenfernerkundung kartierte das Team die Bodennutzung und bewertete, wie die Vegetation auf Klimafaktoren reagiert. Außerdem wurde modelliert, wie sich Veränderungen im sozial-ökologischen System auf Push-Pull auswirken.
Technik ist aber nur die halbe Sache. Um zu verstehen, warum Betriebe zögern, führte das Team in drei Befragungswellen über 150 Interviews mit Kleinbäuerinnen und Kleinbauern sowie Fachleuten. Gemeinsam mit Interessengruppen bewertete es den Nutzen und bildete Wertschöpfungsketten ab. „Wir haben Hindernisse und Chancen für eine Maßstabserweiterung ermittelt und gemeinsam Fahrpläne dafür entwickelt, wann, wo und wie Push-Pull-Praktiken skaliert werden können“, berichten die Forschenden.
Anschließend entwickelte das Projekt zusammen mit den Betrieben Versuche und erprobte neue Wege, die Methode zu verbreiten. Ein Hindernis war zum Beispiel umherstreifendes Vieh.
UPSCALE arbeitete mit ganzen Gemeinschaften zusammen. Landwirte und Forschende entwickelten gemeinsam Lösungen wie lebende Zäune und Baumschulen für Desmodium-Pflanzen. Die Betriebe erprobten außerdem Lösungen, um Fruchtwechsel zu ermöglichen und Push-Pull mit anderen Nahrungspflanzen wie Tomaten und Grünkohl zu verbinden.
„Für mich ist die auffälligste Erkenntnis die Bedeutung von Gemeinschaften und kritischer Masse“, sagt Poppenborg Martin. Wenn eine ganze Gemeinschaft Push-Pull gemeinsam umsetzt, werden soziale Netzwerke gestärkt, die Menschen machen sich die Technologie zu eigen und passen sie an ihre Bedürfnisse an. So entstehen auch neue, kreative Wertschöpfungsketten.
Push-Pull wurde als klimaresilienter Ansatz in die national anerkannten Agrarökologiestrategien der Partnerländer aufgenommen. Nun wollen die Partner die gewonnenen Erkenntnisse in die landwirtschaftliche Beratung einbringen und bei der Gestaltung von Strategien nutzen, die den agrarökologischen Wandel unterstützen.
Für Studierende der Agrarwissenschaften, Biologie, Umweltwissenschaften oder Agrarsoziologie zeigt das Projekt, dass es in der Forschung über Lebensmittel nicht nur um Insekten und Pflanzen geht, sondern auch um Gespräche mit den Menschen, die ihre Gewohnheiten ändern sollen.
Push-Pull nutzt Pflanzen, um Schädlinge abzuschrecken und anzulocken, sodass der Mais mit weniger Pestiziden auskommt. Das Projekt UPSCALE verband Fallen, Sensoren, Satelliten und Modelle mit über 150 Interviews, um herauszufinden, wann und wo die Methode am besten funktioniert. Die wichtigste Lehre betrifft die Menschen: Die Technologie setzt sich am besten durch, wenn eine ganze Gemeinschaft mitmacht.
Dieser Artikel beruht auf einem Beitrag des CORDIS-Dienstes der Europäischen Kommission.
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