
Das Handy liegt auf dem Tisch, der Abend zieht sich, und irgendwann kommt die Frage: War das jetzt viel? Forschende der University of Cincinnati und der Northwestern University haben elf Erhebungen aus den Jahren 2014 bis 2024 ausgewertet, rund 183 000 Erwachsene zwischen 18 und 70 Jahren. Herausgekommen ist keine Moralpredigt, sondern eine Zahl, ab der sich in den Daten etwas ändert – und am Ende kannst du nachsehen, wie dein eigener Tag mit dem Telefon eigentlich aussieht.
Beim ersten Blick auf das Display fragt sich niemand, ob er gerade zu lange schaut. Die Frage kommt später, meist am Abend, wenn die Wochenübersicht der Bildschirmzeit eine Zahl zeigt, die größer ausfällt als gedacht. Was dann fehlt, ist ein Maßstab: Ist das viel? Ist das normal? Darauf gab es bisher vor allem Meinungen.
Eine Untersuchung zweier US-amerikanischer Universitäten liefert nun erstmals einen konkreten Richtwert – einen, der aus Daten stammt und nicht aus dem Bauchgefühl.
Hinter der Arbeit stehen die University of Cincinnati und die Northwestern University. Das Team wertete elf Erhebungen aus, die zwischen 2014 und 2024 durchgeführt wurden, also über ein ganzes Jahrzehnt hinweg. Beteiligt waren rund 183 000 erwachsene Amerikanerinnen und Amerikaner im Alter von 18 bis 70 Jahren.
Die Teilnehmenden beantworteten Ja-Nein-Fragen zu 31 Gesundheitszuständen, Depression war einer davon. Computermodelle verglichen diese Angaben anschließend mit Dutzenden Lebensgewohnheiten und demografischen Merkmalen. Erschienen sind die Ergebnisse in der Fachzeitschrift Mental Health Research aus der Reihe Nature Portfolio.
Bildschirmzeit klingt nach einer einzigen Größe, ist aber ein Sammelbegriff. Die Auswertung trennte deshalb danach, womit die Zeit tatsächlich verbracht wurde:
Nur der erste Punkt stach heraus. Die Zeit in sozialen Medien sagte die Ausprägung von Depression weit besser voraus als Fernsehen, Computerspiele oder E-Mail-Nutzung; die übrigen drei blieben im Vergleich schwach.
Deutlich wurde der Zusammenhang zwischen Social-Media-Zeit und Depression dort, wo die tägliche Bildschirmzeit 150 Minuten überschritt. Unterhalb dieser Schwelle hielten die Befragten im Mittel einen positiven Zustand psychischen Wohlbefindens.
Was die Zahl nicht ist: eine Linie, hinter der etwas umschlägt. 149 Minuten sind nicht sicher und 151 sind nicht gefährlich. Sie ist ein statistischer Anhaltspunkt für weitere Forschung und mögliche Empfehlungen – der erste dieser Art, und genau deshalb interessant.
Nicole Vike, leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin an der University of Cincinnati, erinnert an den Anfang: „Zu Beginn waren soziale Medien ein Ort des Austauschs mit Menschen, die man kannte.“ Heute gehe es vor allem darum, Inhalte von Menschen zu konsumieren, die man überhaupt nicht kennt.
Hans Breiter, Professor am UC College of Engineering and Applied Science, ordnet die Richtung ein, in die das führt: „Bei psychischer Gesundheit und Glück geht es darum, sich auf die Welt einzulassen und ein Ziel zu verfolgen, nicht darum, stundenlang passiv etwas anzuschauen.“
Die Autoren behaupten nicht, dass soziale Medien Depression verursachen. Sie zeigen einen Zusammenhang, ein Muster, das über elf Erhebungen hinweg stabil bleibt. Ob die Nutzung auf die Stimmung wirkt, ob eine gedrückte Stimmung zu mehr Nutzung führt oder ob beides von etwas Drittem abhängt, lässt sich mit Fragebögen nicht entscheiden. Die Arbeit ist als Ausgangspunkt gedacht, nicht als Diagnose.
Martin Block, emeritierter Professor der Northwestern University, wählt dafür einen Vergleich aus der Kulturgeschichte: „Soziale Medien sind ein typisches Merkmal unserer kulturellen Epoche, ähnlich wie es vor mehr als einem Jahrhundert das Automobil war.“
Für alle, die Sozialwissenschaften, Psychologie, Medizin oder Data Science studieren, ist diese Untersuchung ein Lehrstück. Sie zeigt, was große Stichproben leisten: Bei 183 000 Befragten werden auch schwache Muster sichtbar, die in einer Gruppe von zweihundert Personen im Rauschen verschwinden würden.
Sie zeigt aber ebenso die Grenzen. Die Angaben stammen aus Selbstauskunft, die Erhebungen sind Momentaufnahmen, und eine Schwelle wie die 150 Minuten ist ein Wert aus einem Modell, kein Naturgesetz. Genau diese Unterscheidung zwischen dem, was Daten hergeben, und dem, was man gern hineinlesen würde, ist die eigentliche Übung.
Elf Erhebungen, zehn Jahre, 183 000 Erwachsene und eine Zahl: Ab etwa 150 Minuten täglicher Bildschirmzeit wird der Zusammenhang mit der Ausprägung von Depression deutlich, und soziale Medien sind dabei der weit stärkere Prädiktor als Fernsehen, Spiele oder E-Mail. Das ist kein Urteil über einzelne Menschen und keine Aussage über Ursachen. Es ist ein Maßstab, wo vorher keiner war – und damit vor allem eine Einladung, den eigenen Zähler einmal als Datenpunkt zu lesen statt als Vorwurf.
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