Wenn der Felsbrocken im Flug zerbricht, stimmt die Rechnung nicht mehr + test

Stahlnetz gegen Steinschlag ueber einer Bergstrasse im Wald.
Stahlnetz gegen Steinschlag ueber einer Bergstrasse im Wald.

Über fast jeder Gebirgsstraße hängt dieselbe Möglichkeit: Ein Block löst sich aus der Wand, springt den Hang hinunter und schlägt irgendwo auf. Wer dieses Risiko berechnet, nimmt meist an, der Brocken bleibe ein Brocken. Genau das stimmt oft nicht – unterwegs zerbricht er, und aus einer Flugbahn werden viele, mit anderen Reichweiten und anderer Energie. Ein EU-Projekt in Turin rechnet diesen Zerfall jetzt systematisch mit – und wie du selbst mit seltenen, aber teuren Gefahren umgehst, zeigt der Test am Ende.

Inhalt

Ein Block, viele Folgen

Steinschlag gehört zu den Gefahren, die man erst bemerkt, wenn sie schon passiert sind. Höhere Temperaturen, auftauender Permafrost und Extremwetter destabilisieren Berghänge, und lose Blöcke lösen sich häufiger als früher. Unter ihnen liegen Straßen, Bahnstrecken, Häuser und Leitungen – also genau das, was eine Region zusammenhält.

Maddalena Marchelli, Forscherin an der Polytechnischen Universität Turin, beschreibt die Bandbreite der Folgen nüchtern: „Die Auswirkungen eines Steinschlags können Todesfälle und Verletzungen verursachen, Verkehrsnetze lahmlegen, Gebäude und Versorgungsunternehmen beschädigen und erhebliche finanzielle Verluste verursachen“.

Was genau passieren kann

Hinter diesem einen Satz steckt eine Liste, die jede ernsthafte Risikobewertung abarbeiten muss:

  • Todesfälle und Verletzungen bei Menschen, die zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort sind;
  • lahmgelegte Verkehrsnetze, von der gesperrten Passstraße bis zur unterbrochenen Bahnlinie;
  • Schäden an Gebäuden und an Versorgungsanlagen;
  • erhebliche finanzielle Verluste, die lange nach dem Aufprall weiterlaufen.

Das Detail, das lange wegfiel

Klassische Modelle verfolgen einen Block als ein einziges Objekt: eine Masse, eine Bahn, ein Aufprallpunkt. In Wirklichkeit zerbricht Gestein oft schon beim ersten harten Kontakt mit dem Hang. Aus einem Körper werden mehrere, jeder mit eigener Richtung, eigener Reichweite und eigener Energie.

„Wenn ein herabfallender Felsbrocken in mehrere Fragmente zerbricht, kann sich die daraus resultierende Gefahr dramatisch verändern, was mit Auswirkungen auf den Bereich, der dem Aufprall ausgesetzt ist, und auf den potenziellen verursachten Schaden einhergeht“, sagt Marchelli. Bleibt dieser Zerfall unberücksichtigt, fällt die Schätzung leicht zu niedrig aus: bei der Intensität, bei der Häufigkeit und bei der Frage, welche Fläche überhaupt getroffen werden kann.

Ein Modell, das den Zerfall mitrechnet

Genau hier setzt RIDETHERISK an, ein Projekt der Polytechnischen Universität Turin, das über die Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahmen (MSCA) gefördert wird. Entstanden sind ein physikbasiertes Ausbreitungsmodell und der Rechencode RockFRAG, die den Bruch des Blocks als Teil des Vorgangs behandeln und nicht als lästige Ausnahme.

Beides wurde in umfangreichen Experimenten kalibriert und an realen Anwendungsfällen überprüft. Das ist der unspektakuläre Teil solcher Arbeit: messen, nachrechnen, korrigieren, bis das Modell auch dann noch trägt, wenn der Hang sich nicht an die Theorie hält.

Von einem Szenario zur ganzen Bandbreite

Üblich ist es, einige typische Ereignisse durchzurechnen. Das Instrument aus Turin geht anders vor und bezieht die gesamte Bandbreite möglicher Ereignisse ein, samt ihrer zeitlichen Veränderlichkeit. Das seltene, aber sehr teure Ereignis verschwindet damit nicht mehr im Mittelwert. „Die daraus resultierenden Risikobewertungen sind umfassender und besser zur Unterstützung einer risikobewussten Entscheidungsfindung und zur Konzeption wirksamer Abschwächungsstrategien geeignet“, sagt die Forscherin.

Wo das Ganze erprobt wurde

Getestet wurde die Methode nicht am Schreibtisch, sondern dort, wo die Folgen zählen: an Verkehrskorridoren im Alpenraum und an Tagebau-Standorten. Zwei Umgebungen, in denen täglich Menschen unter instabilen Wänden arbeiten oder vorbeifahren und in denen jede Sperrung sofort Geld kostet.

Das Projekt läuft vom 1. November 2023 bis zum 30. April 2026, der EU-Beitrag beträgt 238 938,00 EUR, die Finanzierungsvereinbarung trägt die Nummer 101103401. Für ein Vorhaben, das an Methodik und Software gleichzeitig arbeitet, ist das ein knapper Rahmen.

Warum das ein Thema für Studierende ist

Wer hier arbeitet, braucht drei Dinge gleichzeitig: Ingenieurgeologie, um den Hang zu lesen, Mechanik, um Bruch und Flugbahn zu verstehen, und Programmierung, um beides in einen Code zu bringen, der mehr als ein einzelnes Szenario aushält.

Dazu kommt der unbequeme Teil. Eine Risikobewertung endet nicht bei einer Zahl, sondern bei einer Entscheidung über Geld und über Menschen: Wird ein Schutznetz gebaut, wird eine Straße verlegt, wird nichts getan? Wer die Zahl liefert, muss erklären können, was aus ihr folgt.

Fazit

Ein Modell zu vereinfachen klingt harmlos. Beim Steinschlag heißt es, einen Block als einen Block zu behandeln, obwohl er längst in Stücken unterwegs ist. RIDETHERISK zeigt, wie stark sich eine Risikoschätzung ändert, sobald dieser Zerfall mitgerechnet wird, und dass hinter einer scheinbar technischen Annahme reale Straßen, Budgets und Menschen stehen.

Fünf Fragen: Wie schätzt du Risiko ein? (Test)

5 Fragen · eine Minute · ohne Speichern

1. Ein Modell, mit dem du arbeitest, lässt einen Effekt „zur Vereinfachung“ weg. Deine Reaktion?

2. Du sollst etwas bewerten, das selten vorkommt, aber viel kostet.

3. Aus deinen Rechenergebnissen soll eine Entscheidung über Geld werden.

4. Was überzeugt dich davon, dass eine Methode wirklich funktioniert?

5. Würdest du an etwas arbeiten, dessen Wirkung im Alltag niemand sieht?


veröffentlicht: 2026-09-20
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