
Fast alles, was im Internet unterwegs ist, reist nicht über Satelliten, sondern durch Glasfasern, die auf dem Meeresboden liegen. Dass dieses Glas nebenbei auch spürt, wie der Boden unter ihm bebt, hat lange niemanden interessiert. Das EU-Projekt SUBMERSE macht daraus ein Messinstrument: ein Gerät in der Kabelanlandestation genügt, und aus der Telefonleitung wird ein Sensor für Erdbeben, Tsunamis und Wale — und am Ende kannst du prüfen, wie gut du erkennst, was unter der Oberfläche steckt.
Unter den Meeren liegen mehr als 1,3 Millionen Kilometer Telekommunikationskabel. Sie sind kein Nebenweg des Internets, sondern sein Hauptweg: rund 95 % des weltweiten Internet- und Sprachverkehrs laufen durch sie hindurch.
Diese Infrastruktur ist seit Jahrzehnten da, wird gewartet, erneuert und erweitert — und bleibt in der öffentlichen Vorstellung trotzdem unsichtbar. Wer an Datenverkehr denkt, denkt an Funkmasten und Satelliten, nicht an ein Kabel, das quer über den Ozean auf Schlamm und Fels liegt.
Der Kniff des Projekts ist unspektakulär und genau deshalb interessant. Dort, wo ein Seekabel an Land kommt, in der Kabelanlandestation, wurden Glasfaser-Abfrageeinrichtungen installiert und an einzelne Fasern des Kabels angeschlossen.
Das Gerät schickt Licht in die Faser und wertet aus, was zurückkommt. Verschiebt oder dehnt sich der Boden, verändert sich das Glas minimal, und diese Veränderung lässt sich entlang der gesamten Kabelstrecke ablesen. Kein Tauchgang, kein neues Kabel, keine Sensorkapsel in der Tiefsee — die Hardware bleibt an Land.
SUBMERSE steht für „SUBMarine cablEs for ReSearch and Exploration“ und wird im Rahmen von Horizont Europa im Bereich „Research infrastructures“ gefördert. Das Vorhaben trägt die Finanzhilfe-Kennung 101095055, läuft vom 1. Mai 2023 bis zum 30. April 2026 und ist mit Gesamtkosten sowie einem EU-Beitrag von jeweils 9 744 100 EUR ausgestattet. Koordiniert wird es vom European Future Innovation System Centre (EFIS) in Belgien.
Worum es geht, fasst Chris Atherton von GÉANT so zusammen: „Unser Ziel bestand darin, eine neue Art von Fernerkundungsinstrument zu entwickeln, das der Wissenschaft schnellen Zugriff auf Daten von einigen der am schwersten erreichbaren Orte der Erde verschafft“.
Ein einziger Datenstrom bedient mehrere Fächer gleichzeitig:
Damit daraus Forschung wird, muss die Datenmenge erst handhabbar sein. Nach Angaben von Frederik Tilmann vom GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung lassen sich die Daten inzwischen in Echtzeit und in einem stark reduzierten Format übertragen — erst das macht schnelle Auswertung und Warnung praktikabel.
Die Analysewerkzeuge des Projekts sind quelloffen, einschließlich der Erkennung von Walen, die helfen soll, Schiffskollisionen zu vermeiden. Matías Barberis vom EFIS Centre beschreibt das Ergebnis so: „Auf diese Weise haben wir eine vielseitige Forschungsinfrastruktur geschaffen, die in der Lage ist, kontinuierlich Daten zu erfassen, die ein breites Spektrum wissenschaftlicher und praktischer Anwendungen unterstützen können“.
Die Infrastruktur steht an acht Standorten, ausgewählt nach seismisch aktiven Zonen und den Wanderrouten von Meeressäugern. Angebunden wird sie an EPOS, das Europäische Plattenbeobachtungssystem, und an den Copernicus-Dienst; der weitere Ausbau sieht die Integration mit drei ERIC-Konsortien vor.
Das Bemerkenswerte an SUBMERSE ist nicht die Technik allein, sondern die Blickrichtung. Statt ein neues Beobachtungsnetz zu bauen, wird ein vorhandenes umgedeutet, und zwar eines, das ohnehin gewartet und bezahlt wird. Wer Forschung studiert oder studieren will, findet hier ein handfestes Beispiel dafür, dass ein Instrument manchmal schon liegt und nur noch als solches erkannt werden muss.
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