
Freitagabend, volle Bar, fünf Leute am Tisch, und die Hälfte der Sätze kommt einfach nicht an. Beim letzten Hörtest war alles im grünen Bereich, trotzdem fragt man ständig nach. Forschende der Universität Gent haben im EU-Projekt EarDiTech einen digitalen Zwilling des Ohrs gebaut, der genau diesen versteckten Hörverlust sichtbar macht, und Algorithmen fürs Hörgerät gleich dazu — und am Ende kannst du nachsehen, wie viel Lärm deine Ohren eigentlich abbekommen.
Fast 60 Millionen Menschen in Europa leben mit einem Hörverlust, und mit steigendem Alter wird er immer häufiger. Getestet wird meistens so: Man sitzt mit Kopfhörern da und meldet sich, sobald man den leisesten Ton bei einer bestimmten Tonhöhe gerade noch wahrnimmt. Wer dabei normale Werte liefert, geht mit einem Haken auf dem Blatt nach Hause. Nur dass genau diese Leute im vollen Restaurant trotzdem die halben Sätze verpassen.
Dieser versteckte Hörverlust hängt vermutlich an der Verbindung zwischen den Haarzellen und dem Hörnerv. Fachbegriff: Cochlea-Synaptopathie. Der Schaden sitzt also nicht in den Sinneszellen selbst, sondern in den Kontaktstellen dahinter.
Sarah Verhulst, Projektkoordinatorin von EarDiTech an der Universität Gent, beschreibt den Ausgangspunkt: „Im Jahr 2009 stellten Forschende der Harvard-Universität fest, dass der erste Schritt bei einem Hörverlust nicht der Verlust von Haarzellen im Innenohr ist, sondern vielmehr eine Abnahme der Anzahl der Synapsen. Das bedeutet, dass die Haarzellen zwar noch intakt sein mögen, die Signale, die sie an das Gehirn senden, jedoch nicht so klar sind, wie sie sein sollten.“
Eine klinische Diagnose gibt es für Cochlea-Synaptopathie bisher nicht, eine Behandlung auch nicht. Verhulsts Team baute deshalb schon vor EarDiTech den CochSyn-Test, einen nicht-invasiven Diagnose-Prototyp. Kern davon ist ein Modell zur digitalen Signalverarbeitung des Hörsystems, quasi ein digitaler Zwilling, das die normale Hörfunktion in silico nachbildet. Dieses Modell wurde anschließend so angepasst, dass es eine Hörbeeinträchtigung simuliert.
Mit dem umgestellten Modell ließ sich ein ganz bestimmter Ton finden, der die Synapsenfunktion sichtbar macht. „Dieser spezifische Ton eignet sich besonders gut dazu, die verfügbaren Synapsen gleichzeitig anzuregen. Wenn wir diesen Ton abspielen, sind die EEG-Reaktionen sehr stark, wenn viele funktionierende Synapsen vorhanden sind. Beginnen Menschen dann, Synapsen zu verlieren, nimmt auch das EEG-Signal ab“, sagt Verhulst.
Vier Dinge sind am Ende dabei herausgekommen:
EarDiTech baut auf Vorarbeiten auf, die der Europäische Forschungsrat im Projekt CochSyn gefördert hat. Der Europäische Innovationsrat unterstützte dann EarDiTech, und damit ging der Test aus dem Labor in den klinischen Alltag. Klinische Studien lieferten Belege für den Patientennutzen und für die Anwendbarkeit in der Praxis. „Dank dieser klinischen Studien konnten wir Ergebnisse sammeln und ein überzeugendes Geschäftsmodell entwickeln. Die Ergebnisse wurden veröffentlicht und der Schallstimulus patentiert. Einer der nächsten Schritte ist die Gründung eines Spin-off-Unternehmens, um diese diagnostische Innovation auf den Markt zu bringen“, so Verhulst.
„Das Ziel war es, nicht nur eine Diagnose zu stellen, sondern Menschen mit einem versteckten Hörverlust aktiv dabei zu helfen, besser zu hören“, sagt Verhulst. Dafür wurden digitale Modelle einzelner Patienten damit beauftragt, Sprache mit fortschrittlichen Methoden des maschinellen Lernens zu verarbeiten. Heraus kamen einzigartige, individuell angepasste Algorithmen zur Audioverarbeitung, die in personalisierten Hörgeräten der nächsten Generation stecken sollen. Als Nächstes stehen Kooperationen mit Hardware-Fachleuten und Tests im Hochleistungsbereich der Hearables an. „Wir führen derzeit Gespräche mit Partnern aus der Hörgeräte- und Audiochip-Branche. Wir hoffen, auf eine Lizenzierungsstrategie hinarbeiten zu können, um diese Innovation auf den Markt zu bringen“, sagt Verhulst.
Das Symptom taucht genau dort auf, wo es laut ist und wo man gerade reden will: in der Bar, auf der Party, in der vollen Mensa. Wer dort ständig nachfragt, hört deswegen nicht schlecht im Sinne des Standardtests, der sagt weiter, alles sei in Ordnung. Ein Messverfahren, das die Synapsen erfasst, macht aus dem Arztbesuch etwas anderes: statt alles im Normbereich gibt es dann einen Befund, nach dem sich suchen lässt.
Ein Standard-Hörtest misst die leisesten Töne, nicht die Verbindungen dahinter. EarDiTech hat aus einem digitalen Zwilling des Ohrs einen Ton abgeleitet, dessen EEG-Antwort verrät, wie viele Synapsen noch arbeiten, dazu Algorithmen, die ein Hörgerät auf dieses eine Ohr einstellen. Der Schallstimulus ist patentiert, ein Spin-off geplant. Bis das in der Sprechstunde ankommt, bleibt die billigste Maßnahme banal: Lautstärke runter und den Ohren nach lauten Abenden eine Pause gönnen.
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