Wenn der Beinaheunfall mehr verrät als die Unfallstatistik + test

Eine junge Person faehrt mit einem E-Scooter ueber einen Weg auf dem Campus
Eine junge Person faehrt mit einem E-Scooter ueber einen Weg auf dem Campus

Fahrräder und E-Scooter gehören längst zum Stadtbild, doch wer darauf sitzt, ist deutlich schlechter geschützt als jemand im Auto. Bis 2050 will die EU die Zahl der Verkehrstoten auf null senken – Unfälle nachträglich zu zählen reicht dafür nicht. Das EU-Projekt SOTERIA hat erprobt, wie sich Gefahren erkennen lassen, bevor etwas passiert: aus Beinaheunfällen, Sensordaten und Meldungen der Menschen, die täglich unterwegs sind – womit auch die Frage im Raum steht, wie du selbst dich durch die Stadt bewegst.

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Die Mikromobilität war schneller als die Regeln

Mit dem E-Scooter zur Vorlesung, mit dem Leihrad zum Nebenjob, abends über eine Kreuzung, die niemand zu Ende geplant hat: So sieht Mobilität für viele Studierende aus. Autos haben über Jahrzehnte Airbags, ABS und eine ganze Reihe von Assistenzsystemen bekommen. Wer auf zwei Rädern unterwegs ist, hat davon nichts. Fahrräder, E-Scooter und andere Formen der Mikromobilität sind in europäischen Städten alltäglich geworden – der Schutz ihrer Nutzerinnen und Nutzer ist dabei nicht mitgewachsen.

Was „Vision Null“ verspricht und wo die Statistik aufhört

Die EU hat sich ein Ziel gesetzt, das wenig Spielraum lässt: Bis 2050 soll die Zahl der Verkehrstoten im Straßenverkehr auf null sinken. Der Weg dorthin führt über eine unbequeme Einsicht. Unfallstatistiken erzählen immer von etwas, das schon passiert ist. Sie zeigen, wo jemand gestorben ist, nicht, wo als Nächstes etwas passieren wird. Für eine Kreuzung, an der es jede Woche knapp wird, aber noch nie jemand zu Schaden kam, hält eine solche Statistik keine einzige Zeile bereit.

Beinaheunfälle als fehlendes Puzzleteil

Genau dort setzt das EU-finanzierte Projekt SOTERIA an. Es hat untersucht, wie Städte Mobilitäts-, Infrastruktur- und Verhaltensdaten zusammenführen können, um Risiken zu erkennen, bevor es zur Kollision kommt. Im Mittelpunkt stehen die Momente, die in keiner Akte landen: das abrupte Bremsen, das Ausweichen, der Blick über die Schulter in der letzten Sekunde. „Beinaheunfälle sind oft das fehlende Puzzleteil, da sie gefährliche Situationen aufdecken, bevor es zu schweren Kollisionen kommt“, sagt Marina Georgiou von Netcompany in Luxemburg, die am Projekt beteiligt war. Erfasst wurden solche Situationen systematisch mit Sensoren und intelligenten Kameras, dazu kamen offene Workshops mit denen, die täglich unterwegs sind. Interesse gab es nicht nur aus Rathäusern: „Ein Lieferdienst wollte beispielsweise Wege für den besseren Schutz der Mitarbeitenden finden“, erzählt Georgiou.

Vier Living Labs, vier ganz verschiedene Städte

Getestet wurde nicht am Schreibtisch, sondern in vier Living Labs mit bewusst unterschiedlichen Ausgangslagen: Madrid als dicht besiedelte Metropole, Sachsen mit seiner Mischung aus städtischen und ländlichen Räumen, Oxford als Universitätsstadt und die griechischen Städte Chania und Igoumenitsa mit ihrem saisonalen Tourismus. In Oxford ging es vor allem um die Sicherheit von Radfahrenden und um Mikromobilität, in Madrid testete das Projekt ein digitales Werkzeug gemeinsam mit der örtlichen Polizei.

Wo es überall gleich hakt

Trotz der Unterschiede tauchten an allen Standorten dieselben Probleme auf – und die klingen für ein Forschungsprojekt mit künstlicher Intelligenz im Werkzeugkasten erstaunlich bodennah:

  • schlecht ausgewiesene Radwege,
  • schlechte Straßenoberflächen,
  • mangelhafte Beleuchtung,
  • mangelhafte Beschilderung,
  • Lücken im Netz vor Ort, in Oxford etwa fehlende Unterführungen.

Die Antworten darauf brauchen keinen Algorithmus: bessere Infrastruktur und Kampagnen, die für das Thema sensibilisieren.

Was daraus entstanden ist – und was die Bewohner damit zu tun haben

Aus den Erhebungen wurden Prototypen: eine KI-gestützte Routenplanung, die nicht nur die schnellste, sondern die sicherere Strecke vorschlägt, Anreize für vorsichtigeres Verhalten, im Projektjargon „Nudging“ genannt, und Meldeplattformen, über die Bürgerinnen und Bürger Gefahrenstellen selbst eintragen können. Dazu kommen die unauffälligeren Ergebnisse: praktische Leitlinien, Richtlinien zur Datengovernance und politische Empfehlungen für die Städte, die nach dem Projekt weiterarbeiten. Finanziert wurde SOTERIA mit einem EU-Beitrag von 3 319 325,00 Euro bei Gesamtkosten von 3 319 325,01 Euro, die Finanzhilfevereinbarung trägt die Nummer 101077433. Koordiniert hat NETCOMPANY S.A. aus Luxemburg, die Laufzeit reichte vom 1. November 2022 bis zum 30. April 2026.

Was das für den Weg zur Uni bedeutet

Verkehrssicherheit ist damit weniger eine Frage von Beton und mehr eine Frage von Daten – und von Menschen, die sie lesen können. Wer Statistik, Verkehrsplanung, Geografie oder Informatik studiert, stößt hier auf ein Arbeitsfeld, das es in dieser Form vor zehn Jahren kaum gab. Und wer einfach nur zur Uni fährt, ist Teil der Datengrundlage: Jede gemeldete Gefahrenstelle und jeder erfasste Beinaheunfall macht das Bild ein Stück genauer, aus dem später eine umgebaute Kreuzung oder ein durchgehender Radweg wird.

Fünf Fragen: Wie fährst du eigentlich durch die Stadt? (Test)

5 Fragen · eine Minute · ohne Speichern

1. Wenn du die Route zur Uni wählst, entscheidet bei dir vor allem …

2. Es ist beinahe zu einem Zusammenstoß gekommen. Was denkst du danach?

3. Ein Schlagloch auf deiner Strecke ist für dich …

4. App-Daten darüber, wie du unterwegs bist, sind für dich …

5. Was reizt dich am Thema Stadt und Verkehr am meisten?


veröffentlicht: 2026-09-18
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