Vier Wege zum Essen von morgen: wie Forschende die Ernährungssysteme im südlichen Afrika umbauen + test

Ein junger Landwirt betrachtet Maiskolben auf einem Feld.
Ein junger Landwirt betrachtet Maiskolben auf einem Feld.

Was auf dem Teller landet, entscheidet sich lange vorher: auf dem Feld, im Stall, im Labor, im Ministerium und im Hafen. Das EU-Projekt FoSTA-Health hat untersucht, wie sich dieses Geflecht im südlichen Afrika bis 2050 verändern kann, und liefert dabei keine einzelne Prognose, sondern vier mögliche Wege, von denen jeder etwas bringt und jeder etwas kostet. Am Ende steht keine Formel, sondern eine Denkweise – und die Frage, ob du selbst eher in Systemen oder in Einzelfällen denkst.

Inhalt

Was ein Ernährungssystem eigentlich ist

Der Begriff klingt nach Landwirtschaft, meint aber sehr viel mehr. Ein Ernährungssystem umfasst den Boden und das Saatgut, die Gesundheit der Tiere, die Verarbeitung, den Transport, den Handel, die Preise im Laden und die Regeln, die all das ordnen. Zieht man an einem Faden, bewegt sich der ganze Knoten.

Genau diesen Knoten hat das EU-finanzierte Projekt FoSTA-Health untersucht – ausgeschrieben Food Systems Transformation in Southern Africa for One Health, gefördert aus dem Programm Horizont Europa. Die Forschenden wollten nicht einzelne Erträge verbessern, sondern verstehen, wie sich ein ganzes System bewegen lässt.

Vier Länder, eine gemeinsame Frage

Das Projekt arbeitete in Malawi, Südafrika, Tansania und Sambia. Die vier Länder unterscheiden sich in Klima, Wirtschaft und Verwaltung, teilen aber denselben Druck: Bevölkerungswachstum, Verstädterung, Klimawandel, Umweltzerstörung und wirtschaftliche Ungleichheit. Jeder dieser Faktoren wirkt auf die Gesundheit von Menschen, Tieren und Umwelt zugleich, und keiner lässt sich getrennt behandeln.

Koordiniert wurde die Arbeit von der Wageningen University & Research in den Niederlanden, geleitet von Luuk Fleskens. Das Projekt lief vom 1. Oktober 2022 bis zum 31. März 2026, unter der Finanzhilfevereinbarung 101060887, mit Gesamtkosten und einem EU-Beitrag von jeweils 4 117 592,75 Euro.

Ein Geflecht, das sich nicht zerschneiden lässt

Im Zentrum steht das Konzept „Eine Gesundheit“. Es besagt, dass die Gesundheit von Menschen, Tieren, Pflanzen und Umwelt nicht vier getrennte Fachgebiete sind, sondern vier Blickwinkel auf denselben Zusammenhang. Ein Pflanzenschutzmittel auf dem Feld ist zugleich eine Frage des Bodens, des Trinkwassers, der Arbeitssicherheit und der Exportzulassung.

Fleskens fasst das so zusammen: „Eine nachhaltige Transformation der Ernährungssysteme erfordert die Anerkennung der Komplexität und der Verflechtung von menschlicher, tierischer, pflanzlicher und ökologischer Gesundheit.“

Vier Pfade bis 2050

Statt einer Vorhersage entwarf das Team gemeinsam mit breiten Interessengruppen vier repräsentative Transformationspfade, kurz RTP, mit Blick auf das Jahr 2050:

  • marktorientierte Kommerzialisierung,
  • ernährungs- und nachfrageorientierte Ernährungsumstellung,
  • Veränderungen der Landbewirtschaftungssysteme auf Landschaftsebene,
  • von Gerechtigkeit und Bestrebungen geleitete Wege für Gemeinschaften.

Vier Pfade statt eines Plans: Das ist keine Unentschlossenheit, sondern die ehrlichste Form, über eine Zukunft zu sprechen, die von politischen Entscheidungen abhängt.

Jeder Weg hat seinen Preis

Kein Pfad ist umsonst zu haben. Wer auf Export setzt, bindet Kleinbetriebe an Normen, die Geld und Wissen kosten. Wer die Landschaft umbaut, greift in gewachsene Besitzverhältnisse ein. Wer Ernährungsgewohnheiten ändern will, berührt Kultur, nicht nur Kalorien.

Der Projektkoordinator formuliert es nüchtern: „Zwar bietet jeder RTP spezifische potenzielle Nutzen, doch bergen sie auch Risiken, die gehandhabt werden müssen, um sicherzustellen, dass die Transformation des Ernährungssystems positiv zum Eine-Gesundheit-Konzept beiträgt“. Der Satz beschreibt genau die Arbeit, die nach dem Modell beginnt.

Was auf dem Papier bleibt und was im Feld ankommt

Aus dem Projekt gingen politische Kurzdossiers hervor, unter anderem zur Verankerung des Eine-Gesundheit-Konzepts in Sambias nationalen Agrarinvestitionen und zur Beteiligung von Frauen an Agrarausfuhren. Dazu kamen übertragbare Werkzeuge: ein Handbuch für partizipative Ernährungssystemforschung und inklusive Interessenvertretung, eine interaktive Kartierung von Ernährungssystemen und das integrierte Modellierungssystem iFEED.

Ein zweiter Teil der Ergebnisse steht nicht im Regal, sondern im Schulungsraum. In Malawi und Sambia entstanden Berufsbildungsprogramme zu Zwischenkulturenanbau, Bodenbewirtschaftung und Pestizidmanagement, begleitet von Broschüren für Bezirksämter, Beratungsdienste und Demonstrationsstandorte. Hinzu kam Bildungsarbeit zum GLOBALG.A.P.-Zertifizierungssystem und zu Lebensmittelqualitätsnormen, die kleinen Betrieben den Zugang zu Exportmärkten erleichtert.

Warum das ein Thema für Studierende ist

An diesem Projekt arbeiten Agrarwissenschaft, Veterinärmedizin, öffentliche Gesundheit, Ökonomie und Sozialforschung an derselben Frage. Wer sich für eines dieser Fächer interessiert, sieht hier, wie es außerhalb des Hörsaals aussieht.

Auffällig ist dabei die Methode. Das Gespräch mit Landwirtinnen und Landwirten ist keine Höflichkeit am Rande, sondern eine Datenquelle, die in keiner Tabelle steht. Wer partizipative Forschung ernst nimmt, braucht neben Statistik auch die Fähigkeit zuzuhören – und die Geduld, ein Ergebnis so zu formulieren, dass ein Beratungsdienst damit arbeiten kann.

Fazit

FoSTA-Health zeigt Forschung in einer Form, die selten im Studium vorkommt: Am Ende steht kein einzelner Befund, sondern ein Satz Werkzeuge und vier beschreibbare Zukünfte, zwischen denen Menschen entscheiden müssen. Wer Ernährungssysteme verstehen will, muss lernen, Zusammenhänge zu lesen statt Einzelwerte – und damit zu leben, dass jede Antwort einen Preis hat.

Fünf Fragen: Denkst du in Systemen oder in Einzelfällen? (Test)

5 Fragen · eine Minute · ohne Speichern

1. Du hörst, dass die Butter im Laden teurer geworden ist. Was interessiert dich zuerst?

2. Vor dir liegt ein Problem, bei dem jede Lösung einen Haken hat. Was tust du?

3. In einem Projekt sollst du mit Menschen vor Ort sprechen. Wie siehst du das?

4. Was hältst du für ein gutes Forschungsergebnis?

5. Eine Prognose reicht bis ins Jahr 2050. Wie gehst du damit um?


veröffentlicht: 2026-09-20
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